Musik ist Freude – Mitteldeutsche Zeitung

„Die Sixtinische Madonna“, erfolgreichstes Werk der Dresdner Rockband, erlebt in Halle seine Wiederaufführung.

Halle/MZ:

Mit „Tritt ein in den Dom“, „Nie zuvor“ und vor allem der „Sixtinischen Madonna“ hat sich die Dresdner Rockgruppe electra ein Denkmal gesetzt. Zum 40-jährigen Bestehen der Band 2009 gab sie das Jubiläumskonzert „electra-Klassik“ im restlos ausverkauften Kulturpalast Dresden. Neben Hits der Band erklangen auch Klassik-Adaptionen. Höhepunkt aber war die Wiederaufführung der 1970 entstandenen Rocksuite „Die Sixtinische Madonna“. Das Konzert „electra-Klassik“ ist am 4. Mai um 20 Uhr in Halles Händel-Halle erneut zu erleben. Sylvia Pommert hat darüber mit Bernd Aust, Komponist, Flötist und Bandgründer, gesprochen.

Electra hat sein 40-jähriges Bandjubiläum in Dresden ganz groß mit Chor und Orchester gefeiert. Erwartet die Hallenser nun ein ähnlich beeindruckendes Konzert?

 Aust: Fast. Allerdings bringen wir nicht die ganze Elbland-Philharmonie mit. In Halle spielt eine 16-köpfige Solistenbesetzung. Dazu kommen der Chor Hoyerswerda, Tenor Jens-Uwe Mürner und die electra-Sänger Stephan Trepte, „Mampe“ Peter Ludewig – so er gesund ist – und Gisbert Koreng.

Nach ihrer Uraufführung war „Die Sixtinische Madonna“ in aller Munde. Die LP, auf der das Stück 1971 veröffentlicht wurde, war die erfolgreichste der Band. Dann wurde es ruhig um die Rocksuite. Warum?

Aust: Wir haben das Werk zu unserem zehnjährigen Jubiläum, also vor mehr als 30 Jahren, geschrieben und haben es im Dresdner Kulturpalast aufgeführt. Das war ein Riesenerfolg damals. Dazu kam eine Live-Platte aus dem Palast der Republik. Aber so eine große Sache kostet eben auch viel – Geld und Organisationsaufwand. Es fängt schon damit an, dass Sie 80 Sänger, die keine Profis sind, mehrmals im Jahr an einem Punkt zusammenkriegen müssen. Allein die Busse zum Aufführungsort kosten mehrere Tausend Euro. Für die Konzerte selbst brauchen wir große Häuser mit tiefen Bühnen. Das schränkt die Möglichkeiten ein.

 Und ohne Chor und Orchester?

Aust: Das haben wir versucht. Die Band hat zum Beispiel den Chor-Part selbst gesungen. Das klang einfach einsam. Es gibt ein Stück, „Das Bild“, das spielen wir allein. Aber die ganze Suite wirkt nur, wenn ein Chor als Background dabei ist. Nur – woher nehmen?!

Nun sagen Sie schon …

 Aust: Es war Zufall. Ein Chor aus Hoyerswerda rief mich an. Das war noch vor unserem Jubiläum 2009: „Wir würden gern die ,Sixtinische Madonna’ singen. Haben Sie Noten dazu?“ Ich habe mich ein bisschen gewundert. Immerhin haben wir es ja mit einem Rockstück zu tun. Bei der Probe hat mich dann doch eines fasziniert: In Ermangelung eines Rocksängers mit hoher Stimme hatte der Chor einen klassischen Sänger verpflichtet. Ich fand das aufregend und wusste: Zu unserem Bandjubiläum müssen wir „Die Sixtinische Madonna“ unbedingt wieder aufführen.

 Außer dem Chor Hoyerswerda erinnerten sich auch andere an die Rocksuite.

Aust: Ungefähr zur gleichen Zeit sind die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden mit der Idee auf mich zugekommen, beim Jubiläum „500 Jahre Sixtinische Madonna“ unsere Rocksuite mit einzubinden. Der Kurator besuchte selbst unser Konzert und buchte uns ad hoc für die Finissage der Sonderausstellung. Wir spielten vor lauter bedeutenden Leuten. Es war ein Erfolg. Und so holen einen manchmal die Sachen ein, die man früher (gern) verzapft hat. Inzwischen spielen wir „Die Sixtinische Madonna“ immer mal wieder. Das Konzert in der Händel-Halle bildet in diesem Jahr den Auftakt. Freiberg am 13. Juli und Cottbus am 26. Oktober folgen.

 Nun unterscheidet sich Ihre Art der Musik, der Klassik-Rock, ja grundsätzlich vom alles beherrschenden Pop-Rock. Ist es schwieriger für Sie, Fans zu finden?

Aust: Wie Sie wissen, betreibe ich als Veranstalter den Alten Schlachthof in Dresden. Unlängst hatten wir die Puhdys mit ihrer Akustik-Tour. Das ist massenkompatible Musik – ohne sie weiter bewerten zu wollen. Die Leute sind euphorisch gewesen, und ich habe mich gefreut. Schließlich war es meine Veranstaltung. Electra ist von Anfang an in eine andere Richtung gegangen. Wir wollten kein ebenso breites Publikum erreichen. Das war uns nicht wichtig. Trotzdem sind wir glücklich. Der Dresdner Kulturpalast war zu unserem Jubiläumskonzert bis auf den letzten Platz gefüllt. Das heißt: Wenn man etwas Besonderes bietet, dann ist das Interesse auch da. Ich hoffe, auch in Halle.

Hat electra noch einen Bandalltag oder finden sich die Musiker vorwiegend zu Projekten zusammen?

Aust: Der Bandalltag ist im Vergleich zu früher bescheidener. Wir spielen 15 bis 20 Konzerte im Jahr. Das hat seine Ursache auch in anderen Verpflichtungen. Ich bin Konzertveranstalter, andere unterrichten und machen Theatermusik. Es gibt eigene Bands. Ich glaube aber, genau das ist es, was uns zusammengehalten hat: Die Freude, gemeinsam zu spielen, ist nie ins Alltagsgeschäft abgeglitten.

Also wird es auch 45 oder 50 Jahre electra geben?

Aust: So weit will ich nicht vorgreifen. Ich bin 68.

Das ist kein Alter.

Aust: Ist es nicht, wenn die Karriere ohne Bruch verlaufen ist. Aber das war bei uns nicht der Fall. Die einzige Band aus dem Osten, bei der auch heute noch die Verkaufszahlen stimmen, ist Silly. Die haben lange auf eine adäquate Sängerin gewartet und haben es mit Anna Loos gepackt. Alle anderen Bands mussten mehr oder minder große Abstriche hinnehmen. Das ist allerdings kein Grund zum Jammern, denn Musik ist vor allem Freude – für den, der sie hört, und für den, der sie macht.

Und wenn ich heute darüber nachdenke, wo das damalige System noch hätte hinsteuern können, dann erfasst mich eine gewisse Demut. Dann ist es gar nicht mehr so wichtig, dass es Brüche gab und man das eine oder andere verlor, was man sich aufgebaut hatte. Denn es kamen neue Herausforderungen und schöne Momente. Und nach 20 Jahren feiert unsere „Sixtinische Madonna“ wieder Erfolge. Das macht mich richtig glücklich.

Sie betreiben den Alten Schlachthof. Wie fühlt sich jemand, der durch und durch Musiker ist, im harten Veranstaltungsgeschäft?

Aust: Tja – es war ja nicht mein freier Wille. Es gab einfach einen Moment, wo ich als Musiker wenig beziehungsweise gar nichts mehr zu tun hatte. 1990 haben wir ein einziges Mal gespielt – in Magdeburg. Kurz darauf hatte ich Kontakt zu einem Veranstalter aus Hamburg. Er wollte Stützpunkte im Osten aufbauen. Und ich sagte mir: Gut, du verstehst etwas davon, was auf der Bühne und dahinter passiert. In das Geschäft kannst du einsteigen. Mit viel Akribie, aber auch Angst habe ich mein erstes großes Konzert auf die Beine gestellt. Das war Jethro Tull 1991. Es kamen mehr als 7 000 Leute. Ich hatte alles in Bewegung gesetzt und habe doch richtig Lehrgeld bezahlt. Da könnte ich einige Geschichten erzählen. Spätestens dann aber, als ich viel Geld und Arbeit investiert hatte und das Honorar ausblieb, war es Zeit, dass ich eigene Wege ging. Von da an war ich selbst Konzertveranstalter. So habe ich mich mit einer gewissen Vorsicht, die man immer haben sollte, bis heute durchgeschlagen.

Und electra spielte gar nicht mehr?

Aust: Doch, zum Beispiel 1994 in Kamenz als Vorband von Jethro Tull. Wenig später bekam ich einen handschriftlichen Brief vom legendären Veranstalter Fritz Rau. Er schrieb, Ian Anderson wünsche es nicht, dass noch einmal ein Flötist vor ihm spielt.

Wie oft haben Sie seit der Premiere der „Sixtinischen Madonna“ vor dem Gemälde gestanden?

Aust: Ich bin sehr heimatverbunden. Und so bin ich auch oft in der Gemäldegalerie. Vor allem in der Jubiläumsausstellung „500 Jahre Sixtinische Madonna“ war ich mehrmals. Ich bin auch ein bisschen stolz darauf, dass wir diese Bilder besitzen, und dass sie mit so viel Kraft rüberkommen. Und ich kann von mir sagen, dass ich der Komponist eines Werkes über dieses wunderbare Gemälde bin – übrigens der einzige.

 

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